10.05.2010: Unfallübung - Pkw steht Kopf

Bei einer Pkw-Kollision wurde ein Auto seitlich gegen einen Baum gedrückt. Das zweite Fahrzeug kam aufgrund der Wucht im Bereich der Fahrertür des anderen Pkw erst am „Kopf“ stehend zum Stillstand kam. Die angenommene Bilanz: Zwei Eingeklemmte sowie eine schwer verletzte Person. Für die anrückenden Feuerwehrkräfte wartete ein kniffliges Übungsbeispiel

Text und Bilder: Hermann Kollinger

Zwischen 15- und 30-mal im Jahr rückt die Freiw. Feuerwehr Alkoven zu Verkehrsunfällen aus, weitere 10- bis 15-mal sind zusätzlich Fahrzeuge aus diversen Situationen zu bergen. Aufgrund der Geschwindigkeitsbeschränkungen sind zwar die fatalen Crashs in ihrer Anzahl deutlich gesunken und heute eher die Ausnahme, komplexe Bergungs- und Rettungsaufgaben sind jedoch immer wieder zu bewerkstelligen. Grund genug, der jüngeren Aktivmannschaft einmal eine komplexe technische Einsatzaufgabe eines Unfallszenarios anzubieten.

Übungsvorbereitung

Für die bevorstehende Einsatzübung – welche nicht auf Zeit, sondern auf Schulungsbasis ausgetragen werden sollte –, wurden zwei Altautos organisiert. Übungsort war eine S-Kurve einer Gemeindestraße, welche bereits einmal Schauplatz einer realen Personenrettung aus einem Kleinbus war, als dieser gegen einen großen Baum prallte. Mit einem Bagger wurde ein Fahrzeug im Türbereich des Beifahrers stark deformiert, um damit die Folgen eines seitlichen Anpralls gegen den mächtigen Baum zu simulieren. Den in Folge am Kopf stehenden Pkw zu platzieren, war dann schon etwas schwieriger. Hier leistete jedoch das Kranfahrzeug der Alkovener Feuerwehr gute Dienste und so gelang es, das Auto so zu stellen, dass dieses festen und sicheren Halt fand bzw. dermaßen platziert werden konnte, dass es die Fahrertür des zum Baum gedrückten Autos blockierte. Die „Unfallstelle“ wurde bis zum Beginn der Übung entsprechend abgesichert und auch ein Feuerwehrmann abgestellt. Immerhin ein knappes Dutzend an vorbeifahrenden Fahrzeuglenkern hielt an und erkundigte sich bzw. bot Hilfe an! Ein zwischen Übungsvorbereitung und –beginn fallender Realeinsatz (erfolgreiche Personensuche) verzögerte die Ausrichtung der Schulung zwar noch bzw. stellte sie überhaupt in Frage, konnte jedoch mit einer Verzögerung von rund 30 Minuten nach dem angesetzten Zeitpunkt doch noch beginnen.

Abarbeitung mit Einschränkung

Im Feuerwehrhaus wurden die Teilnehmer lediglich darüber informiert, dass es sich beim bevorstehenden Szenario um einen Verkehrsunfall handle. Zudem sei es nicht zulässig, für die Lösung des Beispiels das Kranfahrzeug heranzuziehen. Hierbei wurde angenommen, dass es sich zu diesem Zeitpunkt gerade zu Servicezwecken in der Werkstatt befände bzw. wäre auch eine nicht vorhandene Zufahrtsmöglichkeit ein denkbarer Verhinderungsgrund. Damit sollte es den Schwierigkeitsgrad steigern und zeitgerecht anderwärtig eine rasche Lösung gefunden werden. Das Einsatzbeispiel sei zwar nicht auf Zeit, sondern ruhig abzuarbeiten. Jedoch sei durchaus darauf zu achten, dass alle wesentlichen Dinge berücksichtigt werden. Im Anschluss daran verließen zwei Fahrzeuge unter der Führung eines jungen Einsatzleiters, ein Gruppenkommandant der FF Alkoven, das Feuerwehrhaus.



Szenario am Unfallschauplatz

Am Einsatzort angelangt, ergab die Erkundung des Einsatzleiters folgende Lage: Im Zuge einer Kollision zweier Pkw nach einem Schleudermanöver in einer S-Kurve wurde ein Auto an einen großen Baum geschoben. Der Beifahrer wurde durch die Deformation des Fahrzeuges zwischen Armaturenbrett und Seitentüre eingeklemmt. Auch der Lenker des Autos wurde am Fahrersitz eingeklemmt. Durch die Wucht des Zusammenstoßes schnellte der zweite Pkw in die Höhe und lehnte sich exakt in Höhe der Fahrertüre des anderen Autos an und kommt am Kopf stehend zum Stillstand. Der darin befindliche Fahrzeuglenker wurde zwar nicht eingeklemmt, jedoch ebenfalls schwer verletzt und war somit außer Stande, sich aus eigener Kraft aus der schwierigen Situation zu befreien. Den Blicken der jungen Mannschaft war zu vernehmen, dass sich die Anstrengungen der Vorbereitung gelohnt hatten – das Szenario bot offensichtlich die Herausforderung und Schwierigkeit, die man sich gewünscht hatte.

Erste Maßnahmen

Nach der Lageerkundung durch den Einsatzleiter gab dieser die ersten Befehle an seine Mannschaft. Ein Mann sollte die Betreuung beiden am „Baum-Auto“ ansprechbaren Eingeklemmten übernehmen und sie über die weiteren Schritte der Feuerwehr informieren. Weitere Kräfte hatten nach Anweisung des Einsatzleiters die Sicherung des am Kopf stehenden Pkws zu übernehmen, um ein mögliches Abrutschen auszuschließen.



Pkw-Absicherung und verhinderter Rettungsweg

Zur Erstsicherung wurden zwei abgeschrägte Holzkanter unter die Reifen des „Köpflers“ gezwängt und zwei Ratschengurte vorbereitet, welche die Position desselben für die folgende Menschenrettung festigen sollten. Zeitgleich wurde auch daran gegangen, per Glasmanagement-Ausrüstung, welche im Rüstlöschfahrzeug in einem eigenen Koffer mitgeführt wird, die Heckscheibe des am Baum eingequetschten Autos zu öffnen. Die weitere Erkundung nach Entfernen der Scheibe ergab zudem, dass eine Rettung der beiden Eingeklemmten über diesen Weg aufgrund fehlender Zugänglichkeiten bzw. fehlendem Arbeitsraumes nicht in Frage kommen wird.

Gurte klemmen Fahrzeug fest

Aufgrund der Situation setzte man die Priorität auf die Rettung des Verletzten aus dem am Kopf stehenden Autos. Erst danach würde auch der Zugang zum anderen Pkw frei werden. So wurde die Mannschaft vom Einsatzleiter angewiesen, zwei Ratschengurte – einen im unteren, den anderen im oberen Fahrzeugbereich – anzubringen, das Unfallauto damit an den Baum zu klemmen und somit für die gesicherte Stabilität zu sorgen. Somit war der Weg frei, die erste Personenrettung (Opfer wurde durch lebensgroße und -schwere Puppe dargestellt) durchzuführen. Aufgrund der Höhe, in der sich der Verletzte befand, ebenso eine herausfordernde Aufgabe, welche dann jedoch ordnungsgemäß bewerkstelligt werden konnte.
Nun stellte sich die Aufgabe, das Fahrzeug mit den am Einsatzort zur Verfügung stehenden Hilfsmitteln zu entfernen. Dieser Schritt war schlussendlich für die angehende Doppel-Personenrettung dringend erforderlich. Die Entscheidung des Einsatzleiters fiel dahingehend aus, dass man eine Arbeitsleine am Autoheck anbringen sollte und den Pkw im direkten Zug wieder auf die Räder stellt und in Folge wegrollt: Gesagt, vorbereitet und erfolgreich durchgeführt.



Personenrettung im Doppelpack

Nach dem freigewordenen Weg zum am Baum situierten Auto, konnten sich die Kräfte mit dem hydraulischen Bergegerät daran machen, sich Zugang zum Lenker zu verschaffen. Dieser war mit den Beinen massiv eingeklemmt. Um mehr Arbeits- und Rettungsraum zu ermöglichen, entfernten das Rettungsteam neben der Tür auch die B-Säule des Volvos und setzten zur Raumerweiterung auch einen Hydraulikzylinder ein.
Im Anschluss an die Rettung des Lenkers galt die Aufmerksamkeit der Befreiung des Beifahrers, dessen Lage sich ebenso als nicht unbedingt einfach stellte. Er war beim Zusammenstoß mit dem Auto nach vorne geschleudert worden und beim Aufprall an den Baum Bereich zwischen Armaturenbrett und eingedrückter Tür eingeklemmt worden. Aufgrund des mangelnden Arbeitsraumes kam lediglich der Einsatz des Rettungszylinders aus der Fahrgastzelle aus in Frage. Die Schwierigkeit hierin lag zu Beginn, einen Ansetzpunkt zu finden, der den Verletzten nicht noch weiter verletzt und dennoch auch für den Feuerwehrmann noch genügend Freiraum lässt. Angesetzt wurde der Rettungszylinder schlussendlich im Fahrereinstiegsbereich und auf diese Weise die Beifahrertür unmittelbar neben der B-Säule nach außen gedrückt. So konnte genügend Raum geschaffen werden, um auch den dritten und letzten Verletzten aus seiner misslichen Lage zu retten. Mit dem Bewältigen dieser Aufgabe war die Einsatzübung im Schulungsstil abgeschlossen und der Weg frei, die Aufräumarbeiten zu beginnen.

Resümee

  • Es ging bei der Übung nicht darum, perfekt zu sein und berichten zu können, wie toll man nicht sei und wie ausgezeichnet die Ausbildung abgelaufen sei. Vielmehr war es das Ziel, sich als noch junger Feuerwehrmann des Aktivdienstes mit einem technisch schwierigen Szenario auseinandersetzen zu müssen und so in die Materie hineinzuwachsen. Mögliche Fehlerquellen wurden besprochen bzw. diskutiert. Bekanntlich ist der Lerneffekt daraus am größten.
  • Für die Teilnehmer der Übung war die Aufgabe eine echte Herausforderung, welche nachträglich – nach dem Abklingen der Anstrengungen – für Begeisterung sorgte, da sich die Übungsleitung selbst nicht in das Geschehen einmischte und die Entscheidungen selbst zu treffen waren. Zwar wurde mit dem Einsatzleiter zwischendurch abgesprochen, was vielleicht anders machbar oder möglich gewesen wäre, in seine Entscheidungen selbst wurde jedoch nicht eingegriffen. Schlussendlich ist bekannt, dass oft viele Wege zum Ziel führen.
  • Nachträglich gesehen wäre auch die Einbindung des Rettungsdienstes in die Übung eine mögliche Option gewesen, um auch diesen vor die nicht alltägliche Herausforderung zu stellen.
  • Die Darstellung des Unfallszenarios dürfte sich für nicht wenige Passanten als sehr real dargestellt haben. Sie hielten an und boten Hilfe an bzw. fragten, ob noch jemand zu verständigen sei. Auch der beim Abschluss der zwischendurch echt alarmierten Suchaktion alarmierte Arzt erkundigte sich bei der Feuerwehr, ob man zuvor noch bei dem Unfall im Einsatz gestanden habe.

 

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